| Gewagt gefragt – Interview mit John Rosenberg |
![]() John Rosenberg, Head Coach Munich Cowboys Die Saison 2008 steht bereits in den Startlöchern. Die Vorbereitung der Munich Cowboys läuft auf Hochtouren. Nach einer grandiosen Saison 2007 will man auch in der German Football League eine schlagkräftige Mannschaft präsentieren. Die Munich Cowboys nutzten die Gelegenheit, um Head Coach John Rosenberg in seiner Heimat Los Angeles über seine Saisonziele zu befragen und seine Eindrücke aus dem Aufstiegsjahr 2007 zu schildern. MG: Während der Off-Season gab es Gerüchte über Engagements bei anderen Teams. Warum arbeiten Sie nach wie vor für die Munich Cowboys? JR: „Zuerst ist es wichtig zu wissen, dass ich als Selbständiger arbeite. Insofern erfolgt meine Zusammenarbeit mit den Munich Cowboys auf einer Berater-Ebene. Als wir uns letztes Jahr auf eine Zusammenarbeit geeinigt haben, ging es um einen Drei-Jahres-Plan. Ich werde jedes Jahr von einigen Mannschaften in Europa bezüglich einer Position des Head Coaches, Beratungen und Clinics kontaktiert. Ich stelle meine Erfahrung als Berater und Trainer zur Verfügung und prinzipiell kann mich jede Mannschaft oder Person engagieren. Das ist die Freiheit, die man als Selbständiger genießt. In 2008 werde ich einige Clinics oder Beratungsaufträge in Bezug auf Strategie und die Entwicklung von Mannschaften durchführen. Diese werden an Wochenenden vor oder nach der GFL-Saison oder auch während der spielfreien Wochenenden stattfinden und stehen somit nicht im Konflikt mit meiner Position bei den Munich Cowboys. Wenn man von einem Engagement bei einem anderen Team in Deutschland hört, kann das als Head-Coaching-Position missverstanden, fehlinterpretiert oder falsch übersetzt werden. Ich persönlich mag Deutschland, insbesondere die Stadt München und die Personen der „Cowboys-Family“. Ich denke, dass die Cowboys Organisation eine großartige Zukunft hat und warum sollte man nicht dort sein, wo man gerne ist und den Beruf ausüben, den man liebt? Darum bin ich hier. Für mich geht es nicht immer ums Geld. Wenn es mir nur um Geld ginge, würde ich in den USA coachen. Als Head Coach in Europa möchte ich am liebsten die Cowboys in den German Bowl führen.“ MG: Vor sechs Monaten haben die Cowboys die Saison mit 15 Siegen, einem Unentschieden und keiner Niederlage abgeschlossen, die GFL2 Süd und die Relegation gewonnen. Wie fühlen Sie sich persönlich, wenn Sie auf die Saison 2007 zurückblicken? JR: „Die Saison 2007 war eine der erfreulichsten und befriedigendsten meiner Karriere. Mit dem selben Gefühl erinnere ich mich an meine schönsten Spielzeiten und denke dabei an das NCAA Championship 1982 mit der Penn State University, den German Bowl Gewinn 2002 als Head Coach der Hamburg Blue Devils, und auch mein erstes Jahr in Deutschland in der FLE (Football League of Europe, Anm.d.R.) bei Munich Thunder war besonders.“ MG: Was macht eine Saison besonders? JR: „Ich denke, es geht hier um Gefühle und Emotionen: Das Gefühl, etwas Besonderes erreicht zu haben, wenn man besser abschneidet als erwartet und wenn man ein „Underdog“ ist. Das FLE-Team Munich Thunder wusste vor der Saison noch nicht sicher, ob sie überhaupt spielen würden und hat dann die Division gewonnen. 2002 haben die Blue Devils in der Saison zweimal deutlich gegen Braunschweig verloren, waren im German Bowl die „Underdogs“ und gewannen dann mit 16 zu 13. Als im Super Bowl in diesem Jahr die New York Giants die New England Patriots geschlagen haben, hat mich dies an den German Bowl 2002 erinnert.“ MG: Also sehen Sie die Mannschaft der Cowboys von 2007 auf diese Weise? JR: „Ja, mit Sicherheit! Die Leistung der Cowboys konnte man vor der letzten Saison nicht richtig einschätzen. Ziel war es, sich Respekt zu verschaffen und mehr Spiele zu gewinnen, als zu verlieren. Die meisten Beobachter hatten für 2007 einen dritten oder vierten Platz in der GFL2 vorausgesagt. Ein Aufstieg in die GFL hielt man für möglich – allerdings erst 2008. Ich denke nicht, dass irgendjemand im Umfeld der Cowboys oder der GFL2 15 Siege und eine „undefeated season“ erwartet hat.“ MG: Haben Sie eine „undefeated season“ erwartet? JR: „Nein, nicht eine „undefeated season“. Ich denke auch generell nicht an Saisonergebnisse sondern nur an einzelne Spielergebnisse. Ich war der Meinung, dass wir die GFL2 Süd gewinnen und in die GFL aufsteigen können. Aber mein Denken konzentriert sich nur auf jedes einzelne Spiel. Wenn man so plant und jedes einzelne Spiel gewinnt, dann kommt dabei am Ende eine „undefeated season“ heraus.“ MG: Was sind Ihre Ziele für die Saison 2008? JR: „Mein Ziel ist immer, das höchstmögliche Ziel zu erreichen. In der GFL ist das der German Bowl. Für die Mannschaft sprechen wir hier von einer Saison mit 12 bis 15 Spielen. Aber der Fokus unserer Vorbereitungen ist immer sehr kurzfristig: Von Tag zu Tag, von Training zu Training, von Spielzug zu Spielzug. Wir haben das nächste Spiel im Blick und nicht die Saison. Und wenn wir dieses Spiel spielen, können wir uns immer nur auf den nächsten Spielzug konzentrieren. Man kann immer nur einen Spielzug kontrollieren.“ MG: Haben Sie eine Voraussage für die Saison 2008? JR: „Nein, ich mache keine Voraussagen – sonst würde ich in Las Vegas leben! Es ist zu früh für mich, unsere Mannschaft und die anderen Teams in der GFL Süd einzuschätzen. Eines aber weiß ich: Wir werden mit allen Mannschaften konkurrieren und hart kämpfen.“ MG: Was sind die Unterschiede zwischen diesem und letztem Jahr? JR: „Erstens kenne ich die Spieler und Coaches besser. Letztes Jahr um diese Zeit musste ich erst einmal die Gesichter und Namen lernen. Zweitens kennen wir unser Spielsystem, unsere Konzepte und Terminologien im Angriff und in der Verteidigung. Unsere Trainer haben bereits zusammen gearbeitet, wobei die Verpflichtung von Kevin Herron als Defense Coordinator uns noch besser macht. Drittens werden uns die neuen Spieler weiterbringen. Nicht zuletzt haben auch die Verantwortlichen der Munich Cowboys nun ein Jahr Erfahrung in der Zusammenarbeit gesammelt.“ MG: Welche Stärken sehen Sie im Team 2008 der Munich Cowboys? JR: „Eine Stärke ist unser „team-speed“ in der Verteidigung, Ende der Saison 2007 waren die Cowboys von allen 26 Mannschaften in der GFL und GFL2 die Nummer eins in „scoring defense“. Wir haben gemeinsame Erfahrung in unseren Systemen – Angriff, Verteidigung und Special Teams. Wir haben Spielmacher auf beiden Seiten des Balles. Weiterhin haben wir die nötige Tiefe auf den „skill positions“ im Angriff: Wir haben Travis Harvey und Gary Lautenschlager als Quarterbacks, Jerome Morris und Dominique Kandolo als Running Backs und einige talentierte Spieler als Wide Receiver. Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass ich die Spieler nun besser beurteilen kann. Letztes Jahr musste ich jeden Spieler, seine Fähigkeiten und individuellen Stärken, erst kennen lernen. Das war ein Lernprozess, der bis in die Saison hinein andauerte. Als Beispiel weiß ich nun, wie gut Tight End Pierre Hollender als Blocker und Receiver sein kann. Ein weiteres Beispiel ist Gary Lautenschlager: Meine Kenntnis seiner Fähigkeiten war auf seine Erfahrung in einem anderen Spielsystem beschränkt. Nachdem ich ihn in unserem Angriff gesehen habe, der mehr auf die Fähigkeiten von Travis Harvey ausgerichtet war, weiß ich, dass Gary mehr kann und dieses Jahr eine größere Rolle spielen wird.“ MG: Gibt es Schwachstellen? JR: „Wenn ich denke, dass es irgendwelche Schwachstellen gibt, würde ich bevorzugen, diese für mich zu behalten! Insbesondere in Bezug auf unsere Gegner, die diesen Bericht vielleicht lesen werden.“ MG: Was sind die Herausforderungen für die Cowboys in der GFL? JR: „Zum einen wird es keine einfachen Spiele, keine schwachen Gegner und keine Begegnungen, die man im voraus als Sieg planen kann, geben. Unsere Vorbereitung muss jede Woche exzellent sein. Die Zeit, die wir in der Vorbereitungsphase im Kraftraum und in der Leichtathletik-Halle verbringen, hat eine höhere Bedeutung. In jeder Mannschaft gibt es ein paar Top-Spieler, die sich nur auf ihr Talent verlassen können. Das wird in der GFL schwieriger. Einige Spieler werden sich von einem Star-Spieler zu einem durchschnittlichen Spieler entwickeln, wenn sie nicht daran arbeiten, besser zu werden. Jeder einzelne Cowboys-Spieler muss mehr Hingabe und Einsatz bringen, physisch und mental.“ MG: Gibt es neue Spieler? Welche Pläne haben die Cowboys in Bezug auf Recruiting und Importe? JR: „Ich möchte sehen, wie weit wir ohne Importe kommen. Letztes Jahr haben wir uns erfolgreich gegen Mannschaften durchgesetzt, die auf Schlüsselpositionen Amerikaner eingesetzt haben. Wir haben eine starke Kernmannschaft, die sich aus Spielern aus München und der Umgebung zusammensetzt. Ich denke, dass wir in diesem Bereich besser als die erfolgreichen Mannschaften von 2000 und 2001 sind. Ich würde gerne neue Spieler aus München und aus der bayerischen Umgebung hinzufügen. Wir suchen Spieler, die sich der Herausforderung stellen wollen, in der GFL zu spielen und in den German Bowl zu kommen. Ebenso gibt es einige Amerikaner in der Region, die ihre Zukunft mit Frau und Kindern in Deutschland gefunden haben. Gerne möchte ich auch diese in die „Cowboys-Family“ integrieren. Ich möchte eine Mannschaft entwickeln, deren Basis deutsche Spieler sind. Ich möchte kein Team trainieren, bei dem es nur um Importe geht. Bei unserem Team soll der Ball nicht bei jedem Spielzug von einem amerikanischen Quarterback an einen amerikanischen Running Back oder Wide Receiver übergeben werden. Ich denke, dass dieses Rezept bei einigen Mannschaften aufgeht, aber für die Cowboys – als einzige GFL-Mannschaft in Bayern – möchten wir mit Spielern aus der Region die Mannschaft formen und Spiele gewinnen.“ MG: Sie haben über ein Gast-Coach-Programm gesprochen. Was ist das? JR: „In 2006 besuchte mich in Italien John Pease, der 15 Jahre lang als Defensive Line Coach aktiv war und mit dem ich bereits zusammen in der USFL die Philadelphia Stars gecoacht hatte. John war Teil eines Trainerstabes in der NFL, der entlassen wurde. Er stand aber noch ein Jahr unter Vertrag, weshalb er keinen Trainerjob annehmen durfte. John half mir ohne jegliche Verpflichtung mit der Defense Line. Das war eine tolle Erfahrung für die Spieler. Dadurch kam ich auf die Idee, ein Programm zu etablieren, bei dem ein Coach in der Vorbereitung mit einer Positionsgruppe arbeitet. Vielleicht möchte ein Coach in der Zeit zwischen zwei Jobs, ein Coach im Ruhestand oder irgendjemand der sich für Coaching in Europa interessiert, das ausprobieren. Es muss kein amerikanischer Trainer sein. Letztes Jahr hat Javier Cook – der gerade zum Head Coach der Braunschweig Lions ernannt wurde – in der Pre-Season mit den Cowboys unentgeltlich gearbeitet. Diese Art von Guest-Coach-Programm möchten wir weiterführen.“ MG: Letzte Frage: Wann sind Sie zurück in München? JR: „Nun, gestern hatten wir 24 Grad in Los Angeles. Aber ich werde trotzdem L.A. verlassen und etwa Anfang März nach München kommen. Vielleicht kann ich ja etwas von dem herrlichen Wetter mit hierher bringen!“ Herzlichen Dank für das Interview, Mr. Rosenberg. Viel Glück für die GFL-Saison 2008. Wir freuen uns auf Ihre Rückkehr nach München. Das Gespräch führte: Markus Gebhardt |



























